Blake Murdoch: “Es ist an der Zeit, unsere Raumluft von Krankheitserregern zu befreien”

Zum Thema der sauberen Innenraumluft erschien am 4. April 2024 in der kanadischen Tageszeitung “Edmonton Journal” ein bemerkenswerter Meinungsbeitrag unter dem Titel It’s time to clean the germs out of our indoor air, den wir im Renad-Blog in deutscher Übersetzung, die von Stefan Hemler erstellt wurde, veröffentlichen. Der Verfasser des Clean Air-Plädoyers, Blake Murdoch, ist Wissenschaftskommunikator und leitender wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts für Gesundheitsrecht an der Universität von Alberta. Seinen Text hat er letzte Woche auf dem Kurznachrichtendienst X (vormals Twitter) selbst in einem Thread kommentierend vorgestellt. Aus Murdochs Twitterfaden verwenden wir nachfolgend einige Postings als Textillustration.

Am 11. Februar 2020 erklärte der Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation, Dr. Tedros Adhanom Ghebreyesus, öffentlich, dass das neue Coronavirus durch die Luft übertragen werde. Sein Kollege Dr. Michael Ryan flüsterte ihm daraufhin etwas zu und zeigte ihm eine Notiz. Ein paar Minuten später zog Dr. Tedros seine Aussage zurück, bezeichnete den Terminus „luftübertragen“ als „Militärsprache“ und sagte, das Virus verbreite sich über „Tröpfchen“.

Einige Länder wie Japan erkannten aber, dass das neuartige Coronavirus wie Rauch in der Luft zu schweben schien – anders als die WHO und ein Großteil der Welt. Am 28. März 2020 twitterte die WHO unrühmlicherweise: “Faktencheck: COVID19 ist NICHT über die Luft übertragbar.”

Später wurde berichtet, dass Aerosolphysiker bei dem Versuch, die WHO zu Beginn der Pandemie zu beraten, vor allem aufgrund medizinischer Dogmen übergangen worden waren. Viele Leben hätten gerettet werden können, wenn sich die öffentlichen Gesundheitseinrichtungen auf die Eindämmung der Virenübertragung über die Luft konzentriert hätten.

Mehr als vier Jahre später ändern sich die Dinge. Die WHO erkennt auf institutioneller Ebene nun endlich vollständig an, dass COVID-19 über die Luft übertragen wird, und hat einen der weltweit führenden Aerosolwissenschaftler zum Ko-Vorsitzenden ihrer neuen Beratungsgruppe für Innenraumluft ernannt. Die WHO hat auch mit Teilchenphysikern zusammengearbeitet, um das Airborne Risk Indoor Assessment (ARIA) zu entwickeln – ein Bewertungstool für das Risiko der Innenraumluft, welches das Infektionsrisiko für verschiedene Gebäudetypen und Situationen modelliert, damit wir besser verstehen, wie wir Innenraumluft rein halten können.

Wenn ARIA richtig eingesetzt wird, kann dieses Schlüsselinstrument, wie ich nachfolgend erklären werde, die Welt verändern.

Erstens können durch die Reinigung der Innenraumluft alle durch die Luft übertragenen Krankheiten gleichzeitig eingedämmt werden, ohne dass das Verhalten des Einzelnen geändert werden muss. Einige Krankheiten, die immer wieder unserer Gesundheit schaden und unsere Krankenhäuser füllen, werden über die Luft übertragen, darunter COVID19, Grippe, RSV und Tuberkulose.

Zweitens wird die Reinigung der Innenraumluft dazu beitragen, künftige Pandemien zu verhindern. Viren, die einen globalen Notfall auslösen, werden mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit über die Luft übertragen, da sich diese Art von Krankheitserregern normalerweise leichter verbreitet. Insgesamt atmet jeder von uns im Durchschnitt rund 11.000 Liter Luft pro Tag ein.

Viele Länder verfügen ja bereits über sauberes Wasser, so dass Pandemien, die durch Wasser übertragen werden, im Wesentlichen beseitigt worden sind. Wir bekommen also keine Cholera mehr – und wir müssten auch keine Grippe mehr bekommen.

Dritter Punkt: Wenn saubere Raumluft die Ausbreitung von Krankheiten eindämmt, dann gibt es weniger ansteckende Menschen pro Innenraum als zuvor, was die Übertragung weiter verringert. Dies schafft eine positive Rückkopplungsschleife. Erfolge bei der Krankheitsprävention summieren sich so zu weitaus größeren Vorteilen, wie etwa bei Geld, das man über Jahrzehnte hinweg investiert. Wobei der Lebenszyklus von der Infektion bis zur Übertragung kurz ist, weshalb sich die positiven Effekte viel schneller zeigen – sie können bereits innerhalb weniger Wochen einsetzen.

Das Ergebnis kann ein “exponentieller Rückgang” sein. Wenn jede infizierte Person im Durchschnitt weniger als eine andere Person ansteckt, beginnt eine Krankheit organisch zu verschwinden, indem sie immer seltener wird.

Exponentieller Rückgang kann sogar zur Ausrottung führen, wie kürzlich geschehen. Die Schutzmaßnahmen in den ersten Jahren der Pandemie ließen die gesamte Yamagata-B-Linie des Influenza-Stammbaums aussterben. Jetzt wird sie aus allen künftigen Grippeimpfstoff-Formulierungen gestrichen.

Durch Investitionen in die Innenraum-Luftqualität können wir jede durch die Luft übertragene Krankheit unter Kontrolle bringen. Man stelle sich vor, Eltern mit ständig kranken Kindern im Schulalter würde erklärt, dass ihre Kinder durch eine bloße Änderung der Bauvorschriften viel gesünder werden. Das entspricht offenkundig ihren Wünschen, und es verhindert dazu auch postvirale chronische Krankheiten wie Long Covid. Ich bin mir unsicher, ob Eltern begreifen, dass dies aktuell möglich ist. Stattdessen werden unnötige Krankheiten gesellschaftlich normalisiert, um Familien wie in einem sozialen Ritus die Folgen erträglich erscheinen zu lassen, obwohl das Leben doch eigentlich viel besser sein könnte.

Belüftung, Filterung und UV-Licht-Bestrahlung, die Krankheitserreger abtöten kann, wie etwa Far-UV und Upper Room-UV, sind die drei wichtigsten bestehenden Technologien für eine gesundheitserhaltende Gebäudekonstruktion. Für dieses Unterfangen sollten wir Millionen ausgeben, ja sogar Milliarden. Es wird die größte Verbesserung der menschlichen Hygiene sein seit der Einführung der Trinkwasserversorgung. Es wird enorme wirtschaftliche Vorteile mit sich bringen, da die Zahl der kurz- und langfristigen Erkrankungen stark zurückgeht und der Patientendruck auf die Krankenhäuser nachlässt.

Gereinigte Innenraumluft schützt auch vor schädlicher Umweltverschmutzung und hilft uns bei der Anpassung an den Klimawandel, was diejenigen, die den Rauch von Waldbränden eingeatmet haben, nur allzu gut wissen.

Jetzt muss sich nur noch die Bürokratie hinter die Wissenschaftler und Ingenieure stellen, damit diese sich daran machen können, das Leben für alle zu verbessern.

Blake MURDOCH, It’s time to clean the germs out of our indoor air, Edmonton Journal vom 4.4.2024.

Der Renad-Blog dankt Blake Murdoch für die Erlaubnis, seinen ebenso lesens- wie verbreitenswerten Text in deutscher Übersetzung veröffentlichen zu dürfen. Wir möchten in diesem Zusammenhang darauf hinweisen, dass zum selben Thema in der taz am 5. Februar 2024 ein vorzüglich recherchierter, umfassender Wissenschaftsessay von Franca Parianen erschienen ist, den wir unseren Leser:innen ebenfalls zur Lektüre empfehlen möchten. Sein programmatischer Titel lautet: Zeit für eine Luftveränderung.

https://twitter.com/tazgezwitscher/status/1754852474660245522

“So viele, die fehlen” – die schweren Folgen des Lockdown light

Über 50.000 Coronatote haben wir inzwischen in Deutschland zu beklagen. Mitschuld daran war die verhängnisvolle Pandemiestrategie zwischen September und Mitte Dezember, für die das Oxymoron “Lockdown light” steht. Erst sehr spät, kurz vor Weihnachten, kam dann endlich die überfällige Verschärfung des Lockdowns. An den Folgen der Versäumnisse dieses deutschen Coronaherbstes haben wir im neuen Jahr immer noch zu tragen. Denn es wird wohl noch einige Wochen dauern, bis nach einer Reduzierung der Neuinfektionen auch die tägliche Zahl der an COVID-19 Verstorbenen deutlich zurückgeht.

Wenn das endlich passiert ist, steht dann wohl bald wieder die Frage unausgesprochen im Raum, wie viele Coronatote Deutschland täglich verkraften zu können glaubt. Über 1000 zum Glück nicht, und auch 500 scheinen den meisten wohl zu viel. Aber wäre es, falls die Inzidenzzahl „nur“ bei etwas über 50 liegen sollte, doch noch hinnehmbar, wenn täglich 200 Menschen erfolglos gegen ihre Atemnot auf der Intensivstation ankämpfen?

#ZeroCovid und #NoCovid lauten die Hashtags der eigentlich humanen Antworten auf das deutsche Coronadesaster im letzten Quartal des Jahres 2020. Diese Forderungen klingen radikal und bedürften einer breiteren gesellschaftlichen Diskussion, aber sie sind keineswegs „massiv unethisch“, wie ausgerechnet ein Mitglied des bayerischen Ethikrates kundtat:[1] Der Ökonomiephilosoph Christoph Lütge hat an der Technischen Universität München den Peter-Löscher-Stiftungslehrstuhl inne, der auf den namensgebenden ehemaligen Siemens-Vorstandsvorsitzenden als Privatmäzen zurückgeht. Lütge ist dazu noch Direktor des von Facebook gesponsorten „TUM Institute for Ethics in Artificial Intelligence“. Vom Bayerischen Rundfunk nach Gründen für sein harsches Urteil über #ZeroCovid gefragt, gab Lütge seine Version des im April durch die Presse gegeisterten Boris-Palmer-Frühstücksfernseh-Ethos[2] zum Besten:[3]

„Das Durchschnittsalter der Corona-Toten liegt bei etwa 84 Jahren und da stirbt man an Corona oder auch an etwas anderem. So ist es nun einmal. Menschen sterben.“

Wenn jetzt also ein sozialmedial-professoraler Experte bereits wieder munter Herzlosigkeiten zusammen mit Unwahrheiten über „große Reserven“ bei den Krankenhauskapazitäten verbreitet,[4] dann ist wohl eines gewiss: Schon bald werden wir uns in neu anschwellenden “Lockerungsdebattenorgien” ergehen, anstatt die Epidemie endlich wirkungsvoll in den Griff zu bekommen. Und da ja bislang nur schleppend geimpft wird, kann so bei den wohl irgendwo zwischen 50 und 100 demnächst stagnierenden Inzidenzwerten das tödliche Corona-Jojo ab Februar oder März wieder weitergehen. Nur wird es diesmal vermutlich beschleunigt durch gefährlichere Virenmutationen wie die in Großbritannien wütende B-117, die auch unser Gesundheitssystem zum Kollaps bringen dürften.

Lernen in der Pandemie: Wird Michael Kretschmer aus Schaden klug?

Bereits in diesem debattierorgiastischen-selbstvergessenen Sinne fabulierte gestern ausgerechnet der sächsische Ministerpräsident Michael Kretschmer, in dessen Bundesland die Inzidenz gerade einmal unter 200 gefallen ist, von einem möglichen „Stufenplan für Lockerungen“ in den nächsten Wochen.[5] Es war übrigens derselbe Politiker, der noch im Oktober vor Corona-„Hysterie“ gewarnt hatte, um dann angesichts explodierender Infektionszahlen Anfang Dezember kleinlaut zugeben zu müssen, dass man im Nachhinein betrachtet manche Maßnahmen besser früher hätte ergreifen sollen.[6] „Wir haben dieses Virus unterschätzt – alle miteinander“, erklärte er im ZDF-Morgenmagazin.[7] Die Schuld für diesen Fehler suchte er allerdings weniger bei sich selbst als bei anderen: Er hätte sich gewünscht, dass er „früher gewarnt worden wäre“, klagte er in einem späteren Interview.[8] Ministerpräsidenten müssen der Presse Rede und Antwort stehen – aber bleibt ihnen eigentlich keine Zeit, auch einmal selbst die Zeitung zu lesen?

Lässiger und souveräner als Kretschmer kommt gewöhnlich sein bayerischer Amtskollege Markus Söder daher. Gemäß seiner pandemischen Leitmaxime der „Vorsicht und Umsicht“ scheint er bislang überzeugt, alles richtig gemacht zu haben. Und doch trug auch Söder bei aller merkelnahen Besorgtheitsrhetorik die wachsweichen Bund-Länder-Beschlüsse des Lockdown light mit – und das, obwohl Bayern nicht zuletzt aufgrund seiner prekären Grenzlage zu den am härtesten von Corona getroffenen Bundesländern gehört: Fast 388.000 COVID-19-Infektionen zählte die Johns-Hopkins-Universität im Freistaat bislang, denen mehr als 9500 Menschen zum Opfer fielen.[9]

Allein in der bayerischen Landeshauptstadt München sind inzwischen mehr als 700 Menschen an Corona gestorben. Die Süddeutsche Zeitung erinnert in ihrer gestrigen Ausgabe nun an die Einzelschicksale hinter der hohen Todeszahl.[10] Auch ruft sie Menschen, die einen Angehörigen aus München wegen COVID-19 verloren haben und an ihn erinnern möchten, dazu auf, sich bei der Redaktion zu melden (muenchen-online@sueddeutsche.de oder 089/2183-9977). Wie die Zeitung erläutert, ist ihr Gedenkprojekt „inspiriert von Beiträgen in der New York Times (‚Those We’ve Lost‘), dem Guardian (‚Lost to the virus‘) und dem Tagesspiegel (‚Den Toten der Pandemie‘).“

Würdiges öffentliches Gedenken der Coronatoten – nur wie?

Es ist erfreulich, dass wenigstens einige große Tageszeitungen das schmerzliche Thema des Totengedenkens aufgreifen und die Opfer der Pandemie so sichtbarer machen. Aber wann werden wir in Deutschland auch einmal alle gemeinsam in würdiger Form der COVID-19-Toten öffentlich gedenken – anstatt darüber zu streiten, ob diese Menschen nun „an oder mit Corona“ gestorben seien und oder ob ihr Tod gar dank einer schwächeren Influenzawelle eigentlich nicht ins Gewicht falle?

Der vorgestern erfolgte Aufruf des Bundespräsidenten, zum Gedenken an die bislang 50.000 Coronatoten eine Kerze ins Fenster zu stellen, war eine gut gemeinte Geste.[11] Aber ein würdiges öffentliches Gedenken kann die „Aktion #Lichtfenster“ nicht ersetzen. Das hätte angesichts des Leides, dass so viele Menschen zusammen mit ihren Angehörigen erfahren mussten, anders auszusehen. Ehrlicherweise müsste es auch von dem Eingeständnis der politisch Verantwortlichen begleitet sein, dass die hohen Todeszahlen im deutschen Coronaherbst auch mit einer von Pandemieverharmlosern zeitweise in die Irre geleiteten öffentlichen Debatte und mit vermeidbaren politischen Fehlentscheidungen zu tun hatten.

Denn neben Trauer ist ja auch Bitterkeit über diese Versäumnisse berechtigt, besonders wenn Menschen in ihrem persönlichen Umfeld von Leid und Verlust betroffen sind. Nichtdestotrotz warnt Bundesgesundheitsminister Jens Spahn heute, nur zwei Tage nach Steinmeiers #Lichtfenster-Gedenkaufruf, davor, „dass 2021 nicht das Jahr der Schuldzuweisung“ werden dürfe. „Über Fehler und Versäumnisse reden ist wichtig. Aber ohne dass es unerbittlich wird. Ohne dass es nur noch darum geht, Schuld auf andere abzuladen“, mahnt Spahn.[12]

Pluralis Majestatis? Bekenntnisse des Ministers Jens Spahn

Leider lassen die weiteren Ausführungen des Ministers nicht erkennen, dass ihm klar wäre, wie wichtig Ehrlichkeit und die klare Benennung der persönlichen Verantwortlichkeit beim glaubwürdigen „Reden über Fehler und Versäumnisse“ sind. So gestand etwa Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow Anfang des Monats in einer Talkshow seinen Irrtum bei den Bund-Länder-Verhandlungen im Herbst offen ein – nicht er, sondern die Kanzlerin habe mit ihren Warnungen recht gehabt: „Ich habe mich von Hoffnungen leiten lassen, die sich jetzt als bitterer Fehler zeigen“, gab Ramelow zu.[13] Anders klingt jedoch heute Spahn, der, wie schon Kretschmer bei seinem Dezember-Statement, den Plural der ersten Person für seine Eingeständnisse wählt:

„Wir hatten alle zusammen das trügerische Gefühl, dass wir das Virus gut im Griff hätten. Die Wucht, mit der Corona zurückkommen könnte, ahnten wir, wollten es aber in großer Mehrheit so nicht wahrhaben. […] Wir haben dem Virus zu viel Raum gelassen. Wir hätten schon im Oktober bei geringeren Infektionen härtere Maßnahmen ergreifen müssen.“

Wir? Nicht alle haben mit Spahn im Herbst in das Lockdown-Light-Horn gestoßen. Zum Beispiel finden sich auch in diesem kleinen Blog zwei Beiträge im Oktober und November, in denen vor den Folgen einer laxen Pandemiestrategie gewarnt wurde – unter Verweis auf zahlreiche andere, laute und gewichtige Stimmen, deren Kritik in den Medien durchaus breit rezipiert wurde. Umfragen belegen dazu, dass rund ein Viertel der Bevölkerung die vom Bund und den Ländern vereinbarten Maßnahmen für nicht weitreichend genug hielt.[14] Die Politik hatte sich also im Herbst für einen Weg entschieden, der im laufenden Diskurs mehrheitsfähig schien, wenngleich vor ihm laut und vernehmbar gewarnt wurde.

Solange aber die Verantwortlichen den Mut zur schonungslosen Ehrlichkeit bei ihren Fehlereingeständnissen nicht haben, ist es vielleicht besser, auf einen nationalen Trauerakt für die Coronatoten vorerst zu verzichten und es bei wortlosen Gesten des Bedauerns wie den #Lichtfenstern zu belassen. Der stille Tod der über 50.000 COVID-19-Opfer, über den bislang so wenig Worte verloren worden sind, während über Einschränkungen durch Schutzmaßnahmen tagtäglich geklagt wird, ist zwar nicht nur traurig, sondern eigentlich sogar beschämend. Noch beschämender wäre es allerdings, wenn die Toten und ihre Angehörigen pauschal für ihr erlittenes Schicksal von selbstgerechten Rednern bei einer Gedenkfeier mitverantwortlich gemacht würden.

Anmerkungen:

[1] Christoph Lütge via Twitter am 17.1.2021, https://twitter.com/chluetge/status/1350863746957275136.

[2] Zu umstrittener Palmers Äußerungen vom vergangenen Frühjahr vgl. Der Tagesspiegel, 28.4.2020, „Wir retten möglicherweise Menschen, die in einem halben Jahr sowieso tot wären“, https://www.tagesspiegel.de/politik/boris-palmer-provoziert-in-coronavirus-krise-wir-retten-moeglicherweise-menschen-die-in-einem-halben-jahr-sowieso-tot-waeren/25782926.html. Das vollständige siebenminütige Interview mit Palmer, das im SAT 1-Frühstücksfernsehens am 28.4.2020 stattfand, findet sich unter folgendem Link: https://www.sat1.de/tv/fruehstuecksfernsehen/video/202082-oberbuergermeister-boris-palmer-spricht-ueber-die-deutsche-wirtschaft-clip.

[3] Mitglied des Bayerischen Ethikrates kritisiert #ZeroCovid, BR24 21.1.2021, https://www.br.de/nachrichten/bayern/mitglied-des-bayerischen-ethikrates-kritisiert-zerocovid,SMfAiNI.

[4] In seinem dem Sender am 21.1.2021 dem BR gegebenen Interview (abrufbar unter dem in vorigen Fußnote angegebenen Link) leugnete Lütge eine Überlastung der Krankenhäuser durch die aktuelle Corona-Krise und sprach – im Widerspruch zu den Verlautbarungen von namhaften Krankenhaus- und Intensivmedizinern – von einer „für diese Jahreszeit absolut normalen Belegung“ bei noch „großen Reserven“. Ferner musste BR24 einen am 21.1.2021 veröffentlichten Artikel über Lütges Äußerungen zu #ZeroCovid mit folgendem Warnhinweis versehen: „Eine frühere Version des Artikels enthielt eine nicht belegbare Aussage von Christoph Lütge zu Übersterblichkeit aufgrund von Lockdown-Maßnahmen während der Corona-Pandemie. Wir haben diese daher entfernt.“ https://www.br.de/nachrichten/deutschland-welt/kritik-an-initiative-zerocovid-handelt-massiv-unethisch,SMXQCUX.

[5] Kommen die Lockerungen hier früher als anderswo? In: Lausitzer Rundschau 23.1.21, https://www.lr-online.de/nachrichten/sachsen/corona-in-sachsen-kommen-die-lockerungen-hier-frueher-als-anderswo_-54633750.html.

[6] Kretschmer im ZDF zu Lockdown – “Verdummung im Land entgegentreten”, ZDFheute 9.12.2020, https://www.zdf.de/nachrichten/politik/corona-interview-michael-kretschmer-heute-journal-100.html.

[7] Kretschmer: “Haben dieses Virus unterschätzt”, ZDFheute 2.12.2020, https://www.zdf.de/nachrichten/politik/corona-sachsen-kretschmer-100.html.

[8] Ministerpräsident Kretschmer räumt Fehler in Corona-Politik ein, RND/dpa 8.1.2021, https://www.rnd.de/politik/corona-in-sachsen-michael-kretschmer-raumt-fehler-in-umgang-mit-pandemie-ein-VSFYEBNZT755FV3G3C32AY52YA.html.

[9] Die Zahlen sind entnommen aus dem Coronavirus-Monitor der Berliner Morgenpost (Stand 23.1.2021, 20 Uhr): https://interaktiv.morgenpost.de/corona-virus-karte-infektionen-deutschland-weltweit. Als Datenquelle werden hier angegeben: Johns Hopkins University CSSE (internationale Daten von WHO, CDC (USA), ECDC (Europa), NHC, DXY (China), Risklayer/Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Meldungen der französischen Ämter und der deutschen Behörden (RKI sowie Landes- und Kreisgesundheitsbehörden).

[10] So viele, die fehlen, in: Süddeutsche Zeitung 23.1.2021, https://projekte.sueddeutsche.de/artikel/muenchen/coronatote-in-muenchen-die-menschen-hinter-den-zahlen-e487702/.

[11] Bundespräsident Steinmeier ruft auf zur Aktion #lichtfenster und lädt ein zum staatlichen Gedenken an die Corona-Toten in Deutschland, Pressemitteilung 22.1.2021, https://www.bundespraesident.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2021/01/210122-Aufruf-Lichtfenster.html.

[12] Bund erwirbt 200.000 Dosen eines Antikörper-Medikaments, in: Deutsche Ärztezeitung 24.1.2021, https://www.aerztezeitung.de/Wirtschaft/Bund-erwirbt-200000-Dosen-eines-Antikoerper-Medikaments-416489.html. Die Äußerung fielen in einem Interview mit der Bild am Sonntag vom selben Tag (https://www.bild.de/bild-plus/politik/2021/politik/spahn-unter-druck-wir-haben-dem-virus-zu-viel-raum-gelassen-75032808,view=conversionToLogin.bild.html).

[13] Forderung nach noch härterem Lockdown, insuedthueringen.de 8.1.2021, https://www.insuedthueringen.de/inhalt.ramelow-raeumt-fehler-ein-forderung-nach-noch-haerterem-lockdown.a1d48333-018e-4b16-b39c-3e05ea779e24.html. Für einen Interviewausschnitt aus der Talkshow “Markus Lanz” mit Ramelows zitierten Äußerungen siehe https://www.zdf.de/nachrichten/video/politik-ramelow-corona-management-lanz-100.html. Ähnlich selbstkritisch hatte sich Ramelow bereits in einem Interview mit der FAZ geäußert, dass am Vortrag abgedruckt worden war: https://www.faz.net/aktuell/politik/inland/bodo-ramelow-gesteht-fehler-im-kampf-gegen-corona-17135034.html.

[14] ZDF-Politbarometer 13.11.2020, https://www.zdf.de/nachrichten/politik/politbarometer-rueckhalt-fuer-geltende-massnahmen-100.html.