Der Sommertanz ist vorbei – Angie, hol den Hammer raus!

Plädoyer für einen intelligenten zweiten Lockdown im deutschen Coronaherbst

Am Sonntag mussten noch einmal die Uhren von der Sommer- in die Winterzeit zurückgedreht werden – fast hätten wir vergessen, wie wir uns vor einem Jahr noch kollektiv über diesen fragwürdigen Eingriff in unseren gewohnten Schlafrhythmus erregt hatten. Denn jetzt rauben uns ganz andere Sorgen den Schlaf – exponentiell explodieren auch in Deutschland die Corona-Zahlen. Die zweite Welle hat uns eingeholt, wie zuvor schon die europäischen Nachbarländer. Mitte letzter Woche überschritten die Tageswerte der Neuinfektionen republikweit erstmals die Zahl von 10.000, am Freitag kratzten sie bereits an der 15000er-Marke.[1] In München, wo ich lebe, sprang die Zahl am Mittwoch auf über 300 Neuinfektionen. An der Isar sind nach Kenntnis des städtischen Gesundheitsamtes momentan 2895 Menschen akut mit Corona infiziert – mehr als in der ersten Welle Anfang April.[2]

Deutschland hat in der letzten Woche damit auch den kritischen Inzidenzwert von 50 Neuinfizierten pro 100.000 Einwohnern gerissen. Bis gestern stieg diese Zahl republikweit auf 86. In München beträgt sie aktuell 114 – andere Großstädte haben sogar noch höhere Wochen-Inzidenzwerte zu vermelden, etwa Bremen (122), Berlin (133) oder, an der Spitze der deutschen Metropolen liegend, Frankfurt am Main mit knapp 200. Doch auch in der Fläche hat sich Corona nun breitgemacht. Den Warn-Inzidenzwert von über 35 wöchentlichen Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner unterschreiten mittlerweile nur noch die zwei Bundesländer Mecklenburg-Vorpommern (29) und Sachsen-Anhalt (32).

„Recht auf Bildung“ vs. Infektionsschutz: Coronawirrwarr an den Schulen

Als Lehrer habe ich die Debatte um den Schulunterricht in Corona-Zeiten besonders im Blick. Trotz der anrollenden zweiten Welle erklärt Yvonne Gebauer (FDP), Kultusministerin von Nordrhein-Westfalen, dass sie Empfehlungen des Robert-Koch-Instituts für die Schulen derzeit nicht anwenden wolle. Ihre Begründung, warum sie auf die laut RKI eigentlich gebotene generelle Maskenpflicht und den Unterricht in geteilten Klassen verzichte, obgleich ihr Bundesland einen der höchsten Inzidenzwerte in Deutschland verzeichnet:

„Ich übergehe die Wissenschaft nicht, ich habe nur einen anderen Auftrag als das RKI. Meine Verpflichtung ist es, Bildung auch in Coronazeiten sicherzustellen.“

Die Politik müsse Gebauer zufolge nämlich „den Infektionsschutz und das Recht der Kinder auf Bildung miteinander in Einklang bringen“.[3] Ehrlicherweise hätte sie eigentlich von einer Unterordnung des Infektionsschutzes unter die Maßgabe der Fortsetzung des Präsenzunterrichts sprechen müssen.

Mit dieser Marschrichtung durch den Coronaherbst steht Gebauer keineswegs allein – auch in Niedersachsen hält es Kultusminister Grant Hendrik Tonne (SPD) nicht für nötig, zumindest für ältere Schüler ein generelles Maskentragegebot anzuordnen.[4] Und in Berlin und Hamburg gilt trotz der dortigen Spitzeninzidenzwerte eine Maskenpflicht bislang nur für Schüler ab der 11. Klasse.[5]

Aber auch in Bayern, wo sich Ministerpräsident Söder gerne als Vorkämpfer allerstriktester Regeln geriert, aber der Inzidenzwert mit 92 dennoch nur knapp vor der erst letzte Woche neu eingeführten Stufe „Dunkelrot“ steht, herrscht de facto ein unübersichtlicher Fleckerlteppich. Nach dem Berchtesgadener Land musste am Montag auch der Landkreis Rottal-Inn wegen Inzidenzwerten von über 200 in den Lockdown, was dort Schulschließungen zur Folge hatte. Sonst führten aber bislang nur einige wenige Landkreise den Wechsel von Distanz- und Präsenzunterricht wieder ein. Ungeachtet der sich zuspitzenden Lage wurde in München gar die Maskenpflicht für Grundschüler wieder aufgehoben.[6]

Wir wissen zwar, dass Kinder keine „Virenschleudern“ sind, wie zu Pandemiebeginn zunächst befürchtet. Aber unbestritten bleibt, dass auch sie durchaus zur Verbreitung von Covid-19 beitragen können.[7] Wo Abstände nicht eingehalten und keine Masken getragen werden, sind also Grundschüler (unter denen es ja durchaus auch potenzielle Risikopatienten gibt, z.B. Asthmatiker) und ihre Lehrkräfte derzeit besonderen Ansteckungsrisiken ausgesetzt – auch in der „Weltstadt mit Herz“.

Merkelmilder Rückblick auf die Hahnenkämpfe im Seuchenfrühling

Verwirrend und besorgniserregend erscheint insofern derzeit die Corona-Lage in Deutschland. Dabei hatte das Land den Beginn der Pandemie vergleichsweise gut gemeistert. Manches ist zwar inzwischen ein wenig merkelmild verklärt worden. Denn nicht alles war im Frühjahr so vorbildlich, wie es uns unsere Kanzlerin in ihren jüngsten Podcast-Appellen glauben machen wollte. Reichlich Zoff zwischen den mutmaßlichen K-Kandidaten der Unionsparteien prägte die Corona-Debatten im März. Doch dann kam nach kurzem Gezerre zwischen Laschet und Söder und dem Vorpreschen des Bayern der von Merkel klug kommunizierte republikweite Lockdown. Das war zum Glück gerade noch rechtzeitig genug, um die im März in Gang gekommene exponentielle Virenverbreitung bereits im April wieder unter Kontrolle zu bekommen.

Dieser Anfangserfolg war auch der Bereitschaft der Bevölkerung zu verdanken, den ersten Lockdown geduldig mitzutragen, aus Solidarität mit den Älteren und chronisch Kranken, für die eine Infektion lebensbedrohlich sein kann. Dennoch starben bundesweit rund 9000 Menschen im Verlauf der ersten Welle an Covid-19 – ein „nur“ traute sich unsere Regierung vor diese hohe Zahl zu setzen, weil wir im Vergleich mit Italien oder Spanien noch glimpflich davonkamen.

Freilich schien bereits Ende April die Solidarität zu bröckeln. Früh begann sich Laschetsche Ungeduld breitzumachen, umsonst warnte Kanzlerin Merkel ihre Partei vor voreiligen „Lockerungsdebattenorgien“. Und so gelang es auch nicht, die Infektionszahlen so drastisch zu senken wie etwa in China oder Japan. Ein Sockelwert von täglichen Neuinfektionen, die zwar nicht mehr in Tausendern, aber immer noch in Hundertern zu zählen waren, blieb uns im Zuge der im Mai und Juni erfolgten Rücknahmen der Corona-Bestimmungen erhalten. Ob eine schleichende Verteilung des Virus für die Intensität des jetzigen zweiten Ausbruchs mitverantwortlich ist? In jedem Fall verloren trotz der gesenkten Neuinfektionsrate in Deutschland auch während der Sommermonate fast jeden Tag mehrere Menschen wegen Covid-19 ihr Leben.

Sozialmedial vermittelter Wahnsinn und sommerliche Spaßgesellschaft

Im Sommer setzte sich die Erkenntnis durch, dass das Virus offenbar viel leichter als zunächst vermutet über Aerosole übertragen wird. Während Aktivitäten an der frischen Luft so als weitgehend gefahrlos eingestuft werden konnten, wurde in geschlossenen Räumen das Tragen von Masken nun mit mehr Nachdruck verpflichtend gemacht. Neue Seuchenerkenntnisse dafür zu nutzen, um Freiräume im Alltagsleben zu ermöglichen oder mit angepassten Regelungen zu erhalten, begrüßten die meisten mit Vernunft begabten Menschen hierzulande. Von „Querdenkern“ wurden die frisch gewonnenen sommerlichen Freiheiten allerdings medial wirksam mit schriller Maskenverweigerungsfolklore konterkariert. Leugner bekannter Tatsachen, die etwa behaupten, die Erde sei eine Scheibe, nannte man früher einfach Spinner und bemitleidete sie eher. Gelegentlich fuchtelte auch irgend so ein armer Irrer mit handgemalten Pappschildern an einer Straßenecke herum – das war’s aber dann auch schon. Inzwischen kann sich offenkundiger Wahnsinn sozialmedial getriggert rasend verbreiten, schneller noch als Covid-19. Und so schienen in diesem Berliner Coronasommer wirre Fieberfantasien vom nahenden Ende der Republik, die etwa ein irrlichternder Koch oder ein abtrünniger Pastor unter ihren Followern verbreiteten, sich plötzlich zur handfesten Gefahr für unsere Demokratie aufzuschaukeln.

Der „Sturm auf den Reichstag“ aus der Perspektive rechter Protestierer (Quelle: „Demo Channel“-Video auf YouTube, https://www.youtube.com/watch?v=eiiG0rQijWI))

So ärgerlich die Bilder vom „Sturm auf den Reichstag“ auch waren – eine größere politische Wirkung entfaltete wohl der Eindruck in der Öffentlichkeit, dass am 29. August mehr als nur ein paar „Covidioten“ regenbogen- und reichskriegsflaggenschwenkend protestiert hatten. Vielmehr machte sich nun die Sorge in den Parteien breit, die Bürger nicht durch ein allzu striktes Seuchenschutzmanagement vor den Kopf zu stoßen. Und so wurden im Verlauf des Sommers Pandemieruhekissen eilfertig mit einlullenden politischen Mantras bestickt, etwa: „Einen zweiten Lockdown darf es unter keinen Umständen geben“ oder „Schulen müssen auf jeden Fall offen bleiben“.

Nur welcher verantwortungsvolle Politiker konnte so etwas eigentlich ernsthaft versprechen? Entwarfen Virologen im Frühjahr nicht vielmehr ein Szenario für die Zeit bis zu wirksamen Impfungen, das einen flexiblen Umgang mit der Pandemie je nach Infektionslage vorsah – ganz im Sinne der von Tomás Pueyo geprägten Formel „The Hammer and the Dance“?[8] Flexible Reaktionen – mal angemessene Lockerungen, dann wieder die gebotenen Einschränkungen – waren demnach zur Vermeidung neuer großer Ausbrüche nötig („Dance“), aber auch ein weiterer Lockdown („Hammer“) keinesfalls vor vornherein auszuschließen. Jedoch unterließ es selbst Kanzlerin Merkel, diese unbequeme Wahrheit in ihren ab September zunehmend besorgt klingenden öffentlichen Äußerungen ehrlicherweise einfließen zu lassen.

Maske und Frischluft: Deutschlands Spätsommertanz zögert die zweite Welle etwas hinaus

Wie wir anhand des Pandemieverlaufs im Spätsommer nun rückblickend erkennen können, milderte und verzögerte offenbar die Verlagerung des Lebens ins Freie und das Tragen von Masken zwar zunächst den Anstieg der Neuinfektionen. Doch reichten die propagierten AHA-Maßnahmen offenbar nicht aus, um die beginnende exponentiellen Verbreitung wirklich aufzuhalten. Wie schon die erste Welle kommt so nun auch die zweite Welle lediglich mit etwas Verzögerung gegenüber den Nachbarstaaten nach Deutschland.

Freilich ist dieser Zeitgewinn ein nicht zu unterschätzender Vorteil, der für adäquate weitere Schutzmaßnahmen hätte genutzt werden können. Doch war die Öffentlichkeit zu sehr vom No-Lockdown-Mantra eingelullt und so auf rasche Änderungen im Pandemiemanagment nicht eingerichtet. Anders als im Frühjahr ist es uns deshalb im Oktober bislang nicht gelungen, das Deutschland gewährte Zusatzzeitfenster sinnvoll zu nutzen. Stattdessen wurde es mit chaotischen, kleinteiligen und wenig wirksamen Maßnahmen vertrödelt. Wenn wir aber den kleinen zeitlichen Rest, der uns noch bleibt, nun nicht entschieden und wirksam nutzen, wird uns wie die Nachbarstaaten die volle Wucht einer zweiten Pandemiewelle treffen. Der einzige Vorteil, der Deutschland dann noch bleibt, ist sein gut ausgestattetes Gesundheitssystem, das bei fortgesetzter exponentieller Verbreitung des Virus aber auch an seine Grenzen noch stoßen wird.

Ungeachtet dessen, ob wir wenigstens die schlimmen Krankenhausdramen, die sich im vergangenen Frühjahr in Italien abgespielt haben, vermeiden können, ist in jedem Fall mit einer raschen Zunahme der Todesopfer zu rechnen. Im September lag zwar ihre tägliche Zahl zunächst noch kaum über dem niedrigen Sockelniveau der Sommermonate. Deshalb wurde bis vor Kurzem auch noch vor einer „Überdramatisierung“ der Lage gewarnt. Die gestiegenen Zahlen den Neuinfektionen würden sich durch die höheren Testkapazitäten erklären, und außerdem überwiege immer noch der Anteil an jüngeren Infizierten mit leichten Verläufen, hieß es. Doch im Oktober kam es dann zu einem deutlichen Anstieg der Zahl der Coronatoten. So starben in der vergangenen Woche täglich zwischen 27 und 49 Menschen in Folge von Covid-19, und auch die Zahl der schwererkrankten Intensivpatienten stieg sprunghaft an.[9] Ist es wirklich überdramatisiert, wenn man aus diesem Verlauf Handlungsdruck ableitet? Oder müssen es mindestens 100 Tote täglich sein, bevor der Singsang des wohlfeilen Sommer-Mantras vom unbedingt zu vermeidenden Lockdown endlich verstummt?

Die Alten sterben lassen zum Wohle der Wirtschaft – ein zynischer Rechenfehler

Neben chronisch Kranken bezahlen vor allem alte Menschen eine Corona-Infektion häufiger mit ihrem Leben. Der Tübinger Oberbürgermeister gab gegen Ende des ersten Lockdowns hierzu ernsthaft Folgendes im Frühstücksfernsehen eines Privatsenders zu bedenken:

„Ich sage es Ihnen mal ganz brutal: Wir retten in Deutschland möglicherweise Menschen, die in einem halben Jahr sowieso tot wären – aufgrund ihres Alters und ihrer Vorerkrankungen.“

Die Pandemie verkürzt also nur ein Bissele das Leben der „hochaltrigen“ Menschen – alles halb so schlimm! [10]

Als ich das im April hörte, war ich erst wütend – und dann erleichtert, dass meinen eigenen Eltern, Gott sei dank, das nicht mehr erleben. Mein Vater wurde 85 – eigentlich ein stolzes Alter, und doch kam sein Tod wegen eines zu spät erkannten Hirntumors überraschend schnell. Drei Monate zuvor war er noch mit dem Auto durchs Dorf gefahren, um mit meiner Mutter Einkäufe zu erledigen. Das alles liegt glücklicherweise nun schon ein paar Jahre zurück. Denn so muss ich mit niemandem, auch nicht mit einem schwäbischen OB, darum feilschen, ob der Erhalt der allerletzten Lebensjahre meiner betagten Eltern es wirklich wert ist, dass deswegen das öffentliche Leben eingeschränkt wird.

Konsequentes Pandemiemanagment: Vorbilder in Ostasien

Der Palmersche Zynismus ist unverzeihlich inhuman. Darüber hinaus ergibt er aber nicht einmal ökonomisch betrachtet einen Sinn, wenn man die Perspektive global erweitert. Denn die einzige große Wirtschaftsmacht, deren Bruttoinlandsprodukt auch im Corona-Krisenjahr noch wächst, ist China.[11] Der Pandemie sind dort nach ihrem erstmaligen Ausbruch Ende 2019 zwar auch über 4600 Menschen zum Opfer gefallen. Aber nach einem harten Lockdown Anfang 2020 scheint das Reich der Mitte von einer zweiten Welle nun praktisch verschont zu bleiben.

Es ist aber nicht nur das vom „unübertroffenen Steuermann“ Xi Jinping autoritär gelenkte China, das mit vergleichsweise wenigen Seuchenopfern und geringeren Wirtschaftseinbußen durch das Jahr 2020 kommt. Auch Ostasiens Demokratien stehen im Vergleich zu Deutschland in der Corona-Krise besser da – so etwa Taiwan, Japan oder Südkorea.

In keinem dieser drei Länder hat man zu Beginn der Pandemie eine erbitterte „Masken-Debatte“ geführt wie etwa bei uns. Auch wenn die Wirksamkeit des Tragens einer Mund-Nasen-Bedeckung anfangs nicht eindeutig erwiesen war, hielt man es in asiatischen Ländern für selbstverständlich, eine solch leicht verfügbare Schutzmaßnahme gegen die Verbreitung von Viren sofort zu nutzen. Bei uns dagegen scheinen die kulturell bedingten Vorbehalte gegen jedwede Gesichtsverhüllung so tief verankert,[12] dass nicht nur „Querdenker“ sondern sogar der Ärztekammer-Präsident die inzwischen wissenschaftlich belegte Wirksamkeit von Alltagsmasken bei der Einschränkung der Covid-19-Verbreitung noch letzte Woche ernsthaft anzweifelte.[13]

Bildquelle: https://www.pexels.com/de-de/foto/hande-erde-festhalten-umwelt-4167544 (Foto von Anna Shvets).

Gemeinsam ist den ostasiatischen Ländern ferner, dass sie frühzeitig nach Ausbruch der Infektion weitreichende Maßnahmen zum Stopp ihrer Verbreitung ergriffen haben. Strikte Quarantäne-Regeln oder frühzeitige lokale Lockdowns in Gebieten, die von kleineren Ausbrüchen betroffen waren, sowie landesweite Kontakteinschränkungen bereits bei verhältnismäßig geringen Anstiegen der Infektionsraten führten dazu, dass Covid-19 nicht in dem Maße außer Kontrolle geraten konnte, wie wir es derzeit in Europa erleben. Das strikte asiatische Pandemiemanagment mag uns bisweilen übertrieben erscheinen. Im Vergleich mit der Situation in Europa hat es sich aber ausgezahlt: Vielen Menschen wurde das Leben gerettet und auch die Belastungen der Wirtschaft konnten ein Stück weit eingegrenzt werden. Denn frühere Einschränkungen oder regionale Lockdowns waren insgesamt weniger belastend für das ganze Land und und eröffneten dazu die Chance zu einer früheren Rückkehr in einen Zustand vorsichtiger Normalität. Sowohl beim Umgang mit dem „Hammer“ wie auch beim „Tanz mit dem Virus“ könnten sich die Europäer also von Ostasien einiges abschauen.

Sicherlich kann man die Rezepte anderer Länder, noch dazu anderer Kulturkreise, nicht eins zu eins übertragen. Doch zumindest macht der Blick nach Ostasien deutlich, dass wir wenig Grund haben, unser Coronamanagment nur deshalb für vorbildlich zu halten, weil es derzeit bei europäischen Nachbarländern noch schlechter läuft, oder weil man in Trumps Amerika mit seinen fast 225.000 Coronatoten traurigerweise nicht einmal erkennen kann, ob die erste Welle dort überhaupt je aufgehört hat. Covid-19 betrifft die ganze Welt – anstatt hochmütig uns immer nur selbst zum Maßstab zu nehmen, sollten wir uns lieber von den Best-Practice-Beispielen auf dem gesamten Globus anregen lassen.

Zeit für mehr als nur ein wenig Gehämmer: Mut zum intelligenten Lockdown

Vor allem aber müssen wir endlich die momentane Covid-19-Realität klar zur Kenntnis nehmen und entsprechend handeln. Wir sind in der zweiten Welle, mitten im exponentiellen Anstieg, und sollten jetzt sofort wirksame und weitreichende Maßnahmen ergreifen, um aus der exponentiellen Kurve wieder herauszukommen. Zwar kann der anstehende „intelligente Lockdown“ besser auf das Infektionsgeschehen, dass die Virologen inzwischen ein Stück weit analysiert haben, angepasst werden. Das öffentliche Leben muss also wohl nicht noch einmal nahezu vollständig zum Erliegen kommen. Aber dennoch bedarf es grundsätzlich wieder der gleichen Entschlossenheit der Regierungen wie im Frühjahr und des gleichen Zusammenhalts der Bevölkerung, um diese Gesundheitskrise in Solidarität mit den besonders gefährdeten Menschen zu überstehen.

Denn wenn die Kontakte in den nächsten Wochen wirklich nachhaltig eingeschränkt werden sollen, wird es wohl unvermeidlich sein, den Gastronomie-, Kultur- und Sportveranstaltungsbetrieb deutlich mehr als bisher zu regulieren und einzuschränken, die Wirtschaft wieder so weit wie möglich auf Home Office-Betrieb umzustellen und in Schulen nochmals den Wechsel von Präsenz- und Distanzunterricht einzuführen. Zudem müssen die Menschen generell – und nicht nur durch die Kanzlerin via Podcast-Seelenmassage – aufgefordert werden, sich möglichst zu Hause aufzuhalten und Privatkontakte wieder deutlich einzuschränken.

Es wäre es dabei sicherlich sehr hilfreich, wenn für diesen intelligenten Lockdown nun eine klarere Zielvorgabe als im Frühjahr gemacht wird. Ob jetzt noch ein von Kanzlerin Merkel ins Spiels gebrachter „Lockdown light“[14] oder das von dem SPD-Bundestagsabgeordneten Karl Lauterbach propagierte englische Konzept eines „Short Shutdown“[15] bei den davongaloppierenden Infektionszahlen ausreicht, muss allerdings bezweifelt werden. Denn der richtige Zeitpunkt für den Einsatzes eines Mikro-Hammers wäre wohl eher bereits Anfang Oktober gewesen. Nachhaltig wirksam könnte jetzt vermutlich das gezieltes Herunterfahren der Kontakte über ca. vier Wochen sein – in diesem Zeitraum hat Israel jedenfalls die dort im September explodierten Infektionszahlen wieder in den Griff bekommen.

Auf jeden Fall sollte die Bevölkerung von Anfang an absehen können, dass bei einer disziplinierten Umsetzung die Einschränkungen des „Hammers“ nach einem überschaubaren Zeitraum wieder zurückgenommen werden. Auch für die Phase der Lockerungen ist eine planvollere Strategie als im vergangenen Mai angezeigt. Denn ohne eine nochmals von unionsinternen Hahnenkämpfe getriebene Vorgehensweise liegt die Chance sicherlich höher, dass in einem vorausschauenden, vorsichtigen „Tanz mit dem Virus“ das Infektionsgeschehen den Winter über dann nicht mehr so außer Kontrolle gerät wie jetzt.

Solidarisch getragene Krisenstrategie: Festigung unserer vom Rechtspopulismus gebeutelten Demokratie

Freilich sollten auch die wirtschaftlichen Folgen des zweiten, diesmal gezielter als im März gegen die Pandemie eingesetzten Lockdown-Hammerschlags solidarisch getragen werden. Hilfsprogramme müssen nicht nur telegen angekündigt, sondern auch unbürokratisch und gerade für die kleinen Betriebe praktikabel umgesetzt werden. Eine Unternehmenspleiten- oder Privatinsolvenzwelle darf nicht der Preis der Pandemie sein. Mit dem Kurzarbeitergeld wurde zwar vielen Angestellten in betroffenen Unternehmen geholfen. Zusätzlich ist aber auch eine Krisenabsicherung des Lebensunterhalts von Selbstständigen nötig, die beispielsweise im Kulturbetrieb von den Einschränkungen besonders betroffen sind.

Wenn wir uns in Deutschland, von globalen Krisenvorbildern inspiriert, also zu mehr verantwortungsvoller Entschlossenheit beim Umgang mit der Pandemie durchringen, werden wir hoffentlich schon im Dezember wieder die Neuinfektionszahlen sinken sehen. Wir haben bis dahin zwar wohl nochmals 1000 weitere Todesopfer zu betrauern – aber wenigstens nicht wieder mehrere Tausend. Kurzzeitig leidet unsere Wirtschaft zwar unter dem „Hammer“, aber wir werden sie durch die Rückgewinnung der Kontrolle über die Pandemie in den Monaten des darauffolgenden „Tanzes“ insgesamt eher weniger schwächen.

Der vielleicht wichtigste Ertrag einer solchen solidarischen Krisenstrategie scheint mir aber zu sein, dass die Menschen in Deutschland erleben werden, wie man gemeinsam eine Pandemie in humaner Weise erfolgreich übersteht. Diese Erfahrung einer demokratischen Gesellschaft kann vielleicht die beste Medizin sein gegen eine andere, schon länger grassierende, möglicherweise sogar noch gefährlichere Krankheit unserer Zeit – die ideologische Seuche des Rechtspopulismus.

 

Anmerkungen:

[1] Die Covid-19-Zahlenangaben sind im Folgenden, soweit nicht anders angegeben, entnommen aus dem Coronavirus-Monitor der Berliner Morgenpost (Stand 27.10.2020, 12 Uhr): https://interaktiv.morgenpost.de/corona-virus-karte-infektionen-deutschland-weltweit. Als Datenquelle werden hier angegeben: Johns Hopkins University CSSE (internationale Daten von WHO, CDC (USA), ECDC (Europa), NHC, DXY (China), Risklayer/Karlsruher Institut für Technologie (KIT), Meldungen der französischen Ämter und der deutschen Behörden (Robert-Koch-Institut sowie Landes- und Kreisgesundheitsbehörden).

[2] https://www.muenchen.de/rathaus/Stadtinfos/Coronavirus-Fallzahlen.html (Stand 27.10.2020, 18 Uhr).

[3] Süddeutsche Zeitung (SZ) 23.10.2020, „Ich übergehe die Wissenschaft nicht“, https://www.sueddeutsche.de/politik/schulen-ich-uebergehe-die-wissenschaft-nicht-1.5090888.

[4] Tonne will so lange wie möglich Präsenzunterricht an Schulen, https://www.ndr.de/nachrichten/niedersachsen/hannover_weser-leinegebiet/Tonne-will-so-lange-wie-moeglich-Praesenzunterricht-an-Schulen,corona4870.html.

[5] SZ 23.10.2020, Haltet sie auf! (https://www.sueddeutsche.de/bildung/corona-schulschliessung-maskenpflicht-unterricht-1.5092010).

[6] SZ 23.10.2020, Der große Flickenteppich, https://zeitung.sueddeutsche.de/webapp/issue/sz/2020-10-23/page_2.434815/article_1.5089748/article.html). Einen Kommentar über die praktischen Auswirkungen der derzeitigen Corona-Wirren auf die Schulen hat aus Sicht betroffener Lehrkräfte Florian Kohl letzte Woche verfasst: https://joschafalck.de/taeglich-einen-apfel.

[7] Deutsches Ärzteblatt 3.6.2020, SARS-CoV-2: Drosten bleibt bei Aussagen zur Ansteckungsgefahr durch Kinder, https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/113465/SARS-CoV-2-Drosten-bleibt-bei-Aussagen-zur-Ansteckungsgefahr-durch-Kinder.

[8] Tomás Pueyo, Coronavirus: The Hammer and the Dance (19.3.2020), https://medium.com/@tomaspueyo/coronavirus-the-hammer-and-the-dance-be9337092b56.

[9] SZ 26.10.2020, Merkel will am Mittwoch über neue Regeln beraten, https://www.sueddeutsche.de/politik/corona-pandemie-merkel-will-am-mittwoch-ueber-neue-regeln-beraten-1.5094710.

[10] Der Tagesspiegel, 28.4.2020, „Wir retten möglicherweise Menschen, die in einem halben Jahr sowieso tot wären“, https://www.tagesspiegel.de/politik/boris-palmer-provoziert-in-coronavirus-krise-wir-retten-moeglicherweise-menschen-die-in-einem-halben-jahr-sowieso-tot-waeren/25782926.html. Das vollständige siebenminütige Interview mit Palmer, das im SAT 1-Frühstücksfernsehens am 28.4.2020 stattfand, findet sich unter folgendem Link: https://www.sat1.de/tv/fruehstuecksfernsehen/video/202082-oberbuergermeister-boris-palmer-spricht-ueber-die-deutsche-wirtschaft-clip (ab 3:07 min. die umstrittenen Äußerungen).

[11] Ausgegangen wird von einem Wirtschaftswachstum 2020 von 1,9 Prozent (https://www.tagesschau.de/wirtschaft/boerse/china-wirtschaftswachstum-111.html). Die Bundesregierung erwartet hingegen in diesem Jahr einen Rückgang der deutschen Wirtschaft um 5,8 % (https://www.bmwi.de/Redaktion/DE/Dossier/wirtschaftliche-entwicklung.html).

[12] Vgl. Julia Hauser, Demaskiert: Covid-19 und die kulturelle Dimension der Debatten um die Maskenpflicht, in: Geschichte der Gegenwart 8.4.2020, https://geschichtedergegenwart.ch/demaskiert-covid-19-und-die-kulturelle-dimension-der-debatten-um-die-maskenpflicht.

[13] Die Zeit 22.2.2020, Ärztepräsident zweifelt Nutzen von Masken an, https://www.zeit.de/wissen/gesundheit/2020-10/klaus-reinhardt-aerztepraesident-masken-schutz-karl-lauterbach.

[14] SZ 27.10.2020, Medienbericht: Merkel für begrenzten Lockdown, https://www.sueddeutsche.de/politik/coronavirus-news-deutschland-merkel-lockdown-1.5093731.

[15] Der Spiegel 27.10.2020, SPD-Gesundheitsexperte Lauterbach wirbt für „Wellenbrecher-Shutdown“, https://www.spiegel.de/politik/deutschland/corona-pandemie-karl-lauterbach-wirbt-fuer-wellenbrecher-shutdown-a-6f0358fc-e2b0-4747-be11-6ba5f69772db#ref=rss?sara_ecid=soci_upd_wbMbjhOSvViISjc8RPU89NcCvtlFcJ.

Unverfälschtes Kulturschmankerl zum Wiesnstart: „Haberfeldtreiber“ Sepp Raith bei einer Finissage in München-Giesing

Am Freitag, den 16. September klang die Ausstellung „Unsere Tela. Die Tegernseer Landstraße im Wandel der Zeit“ in der VHS München-Ost mit einem hörenswerten Auftritt des Liedermachers Sepp Raith aus. Der in Giesing aufgewachsene Musikkabarettist trug eine abwechslungsreiche Auswahl an Texten des 2007 verstorbenen, ebenfalls aus dem Arbeiter-Stadtviertel im Münchner Osten stammenden Schriftstellers Werner Schlierf vor. Dazu sang Raith seine eigenen, pikant getexteten Urmünchner Lieder, die er auf der Gitarre begleitete. Auch sein von den Troglauer Buam zum weichgespülten Wiesn-Hit verfremdeten, eigentlich durchaus politischen Protestsong „Der Haberfeldtreiber“ brachte Sepp Raith in der Originalfassung zu Gehör – dass er und nicht Hanse Schoierer der Urheber dieses Lieds ist, musste sich Raith vor vier Jahren in einem Plagiatsprozess gerichtlich erstreiten.[1]

Die gut fünfzig Zuhörer dankten Sepp Raith die ebenso kurzweilige wie humorvolle zweistündige Mixtur aus Lesung, Kabarett und Konzert am Ende mit lang anhaltendem Applaus. Es bleibt zu hoffen, dass Raiths kräftig-deftige Stimme bald wieder öfter in München zu hören ist.

Darüber hinaus darf man den Ausstellungsmachern von „Unsere Tela“ – Ilona und Florian Schanz,  Ulrike Grammel, Astrid Riedler-Pohlers und Alice Mikyna – mit ihrem Crowdfunding-Projekt, mit dem sie einen Bildband zu ihrer Ausstellung finanzieren möchten, weiter alles Gute wünschen. Das Crowdfunding läuft noch 22 Tage (also bis Anfang Oktober 2016), wobei bislang knapp die Hälfte der benötigten 5000 Euro eingeworben wurden – mehr Informationen dazu finden sich unter der Webseite https://www.startnext.com/telagiesing.

Über die Ausstellung ist kürzlich bereits mein bebilderter Artikel in dem landeshistorischen Blog „Geschichte Bayerns“ erschienen.[2] Einige Bild-Tweets über die Finissage am 16.9.2016 habe ich via Twitter live mit meinem Account @München1968 unter #HistBav gepostet.

Anmerkungen:

[1] http://www.merkur.de/lokales/fuerstenfeldbruck/mammendorf/liedermacher-sepp-raith-siegt-plagiatsprozess-1628954.html; über den Fall berichtete 2012 u.a. auch das BR-Magazin quer: https://www.youtube.com/watch?v=CWA77K2IyoY

[2] https://histbav.hypotheses.org/4859

Historisch-politische Bildung 2016: „Unwissende damit ihr / unwissend bleibt / werden wir euch / schulen“?

Am 6. Juni 2016 veranstaltete die Akademie für Politik und Zeitgeschehen der Hanns-Seidel-Stiftung in München zusammen mit dem Deutschen Lehrerverband (DL), der Arbeitsgemeinschaft Bayerischer Lehrerverbände und dem Bund Freiheit der Wissenschaft eine Tagung zum Thema „Historisch-politische Bildung in Zeiten des Wandels“.[1] Das Vortragsprogramm schmückte sich mit einer Trias konservativer Altmeister aus Poltik- und Geschichtswissenschaft: Bassam Tibi, Michael Wolffsohn und Heinrich Oberreuter. Insofern durfte man man auf den Verlauf der Tagung im Franz Josef Strauß-Saal des Konferenzzentrums an der Münchner Lazarettstraße durchaus gespannt sein.

Den meisten Diskussionsstoff boten allerdings nicht die talkshowgestählten Prominenten, sondern der Berliner Zeitgeschichtler Klaus Schroeder, der die Befunde einer 2012 erstellten Studie über „zeithistorische Kenntnisse und Urteile von Schülern“ vorstellte.[2] Die an der FU Berlin konzipierte Untersuchung, zu der rund 7000 Neunt- und Zehntklässler aller Schularten aus Baden-Württemberg, Bayern, Nordrhein-Westfalen, Sachsen-Anhalt und Thüringen befragt worden waren, brachte verheerende Ergebnisse ans Licht, denn die befragten Schüler verfügten mehrheitlich kaum über rudimentäres Basiswissen. So konnten beispielsweise nur knapp 15 Prozent der Schüler den Begriff „Deutscher Herbst“ zutreffend einordnen. Noch verdrießlicher waren aber weitverbreitete grundlegende Fehleinschätzungen: Rund 30 Prozent der Befragten meinten etwa, die DDR sei keine Diktatur gewesen, 45 Prozent hielten die Bundesrepublik vor der Wiedervereinigung nicht für eine Demokratie. Sogar unter Gymnasiasten glaubten 16,4 Prozent, dass individuelle Menschenrechte gleichermaßen im Dritten Reich, in der DDR und in der Bundesrepublik gewährleistet gewesen seien. Bei solch eklatanter Indifferenz im Zeitgeschichtsbild müsse die Anfälligkeit junger Leute für rechtspopulistische Parolen kaum verwundern, bilanzierte Schroeder die Ergebnisse säuerlich.


Die sich nach seinem Vortrag aufdrängende Frage, wie denn die historisch-politische Schulbildung künftig verbessert werden könne, beantwortete Schroeder selbst mit einem Vorschlag zur Umgestaltung der Lehrpläne: In Geschichte und Sozialkunde müsse stärker berücksichtigt werden, dass eine wachsende Anzahl von Schülern einen Migrationshintergrund habe und sich entsprechend auch die Wissensvoraussetzungen für den Unterricht gewandelt hätten. Ferner müsse die Zeitgeschichte im Curriculum ein größeres Gewicht erhalten; außerdem plädierte Schroeder grundsätzlich für mehr Anschaulichkeit im Unterricht – so könnten beispielsweise alltagsgeschichtliche Aspekte mit der Vermittlung von grundlegenden zeithistorischen Inhalten verbunden werden. Schroeders Anregungen sind zwar nicht neu, aber weisen sicherlich vage in die richtige Richtung, weswegen sie zum Teil auch bereits aufgegriffen worden sind. Beispielsweise findet sich in neueren Geschichtsschulbüchern durchaus häufiger ein Bezug zur Alltagsgeschichte, und auch die Bemühungen um eine anschauliche Vermittlung historischer Inhalte sind größer geworden.[3]

Weitere Überlegungen zu der Frage, wie die historisch-politische Bildung in der Schule runderneuert werden könnte, stellte auch der Lehrerverbandsvorsitzende Josef Kraus in seiner Tagungseinführung an. Ausgehend von einem traditionellen Bildungsbegriff auf wertkonservativer Grundlage machte Kraus sich dabei für eine „Renaissance der Inhalte und des Wissens“ in den Fächern Geschichte und Sozialkunde stark. Aber auch wenn Kraus seine Kritik an dem seit dem PISA-Schock sich ausbreitenden oberflächlichen Kompetenzbegriff durchaus plausibel machen konnte, wurde in seinen Ausführungen nicht recht deutlich, warum gerade der Rückgriff auf die didaktischen Rezepte der Vor-PISA-Zeit eine Besserung bewirken könne. Denn zum einen war der bedenkliche Zustand der historisch-politischen Bildung ja bereits 2007 in einer ersten Untersuchung von dem FU-Forschungsteam um Klaus Schroeder offen gelegt worden.[4] Und zum anderen hatte der PISA-Schock kurz nach der Jahrtausendwende seinen Ursprung ja gerade darin, dass der Zustand der Bildung in Deutschland insgesamt  als desolat empfunden wurde. Auch wenn die damaligen Tests der OECD die Hauptfächer betrafen, deutet wenig darauf hin, dass die Schülerkenntnisse in Geschichte und Sozialkunde im Jahr 2000 bei einem entsprechenden Vergleichstest mehr Anlass zur Freude gegeben hätten.


Nicht nur beim DL-Vorsitzenden Josef Kraus vermisste man so zukunftsweisende Anregungen für die historisch-politische Schulbildung, sondern eigentlich im gesamten weiteren Verlauf der Tagung. Zwar gab es Vorträge zu hören, die für sich betrachtet durchaus interessant waren, aber sie schienen nur lose mit dem Rahmenthema verbunden und beschränkten sich dabei zumeist auf kritische, mitunter sogar düstere Bestandsaufnahmen. So sprach Bassam Tibi kenntnisreich über die Vielfalt des Islam und sein eigenes Konzept eines Euro-Islam – hier hätten sich eigentlich Anknüpfungspunkte für weitere schulpraktische Überlegungen angeboten. Auch empfahl der Göttinger Politologe nachdrücklich, die Vertreter liberaler Islamwissenschaften an den Hochschulen zu fördern und ihre Lehrstühle finanziell besser auszustatten. Doch schloss er sein Referat mit der tristen Einschätzung, vor der Macht fundamentalistischer Islamisten angesichts der jüngsten Entwicklungen nun kapitulieren zu müssen; nachdrücklich warnte Tibi dabei vor der Entstehung neuer Parallelgesellschaften in Deutschland.

Auch das sich anschließende Referat von Michael Wolffsohn war in seinem Grundton eher pessimistisch. Denn der Münchner Historiker begründete ausführlich, warum aus dem wohlklingenden Ruf nach „Zivilcourage“, der aus dem Munde von Politikern immer öfter zu hören ist, letztlich nur bloße Ohnmacht spreche. Wenn zur „Zivilcourage“ als Allheilmittel gegen extremistische Gewalt nachdrücklich aufgefordert werde, stehe eigentlich die Kapitulation des staatlichen Gewaltmonopols bevor, denn die Aufrechterhaltung der inneren Sicherheit werde zur Gemeinschaftsaufgabe umdefiniert. Statt für „Zivilcourage“, die Wolffsohn im Sinne von Widerstand gegen Unrecht, wie ihn etwa die Geschwister Scholl praktiziert hätte, verstanden wissen wollte, plädierte er für „Zivilität“ unter dem Leitspruch „Anstand statt Aufstand“. Schülertrainingsprogramme zur Gewaltprävention, die sich häufig auf den Begriff der Zivilcourage berufen, betrachtet Wolffsohn in diesem Sinne eher als sinnvolle Übungen zur Praxis von Zivilität.


Auch Heinrich Oberreuter beschäftigte sich mit Defiziten der Politik, denn im Kern seines Vortrags stand der seit Jahren um sich greifende Vertrauensverlust des politischen Systems. Ihn brachte Oberreuter ursächlich mit dem Erstarken von AfD und Pegida in Verbindung. Die von dem Passauer Politologen im Sinne eines gelebten Pluralismus geforderte argumentative Auseinandersetzung mit Bachmann oder Petry konnte durchaus auch als aktueller Arbeitsauftrag an die schulischen Bildungsvermittler verstanden werden, sich vor Ort aktiv an der Rechtsextremismus-Prävention zu beteiligen. Konterkariert wurde diese Absicht allerdings von Oberreuter selbst durch seine –  im Franz Josef Strauß-Saal überwiegend wohlwollend aufgenommene – Verteidigung des Seehofer-Kurses gegenüber der AfD. Denn auch wenn sich, wie Oberreuter als Beleg für seine Thesen anführte, laut Umfragen nicht wenige AfD-Anhänger eine bundesweite Seehofer-CSU wünschen, deuten die aktuellen Forsa-Zahlen aus Bayern andererseits nicht darauf hin, dass gerade das Aufgreifen von rechtspopulistischen Forderungen „besorgter Bürger“ für die Christsozialen das richtige Rezept gegen den AfD-Aufschwung sein könnte.[5] Deshalb raten ja auch andere Politik-Berater der Union als Partei der Mitte zu einem klaren Abgrenzungskurs nach Rechtsaußen.

Einen Fortbildungstag lang hatte sich die Mitglieder konservativer Lehrerverbände so geduldig mit dem ernüchternden Zustand der historisch-politischen Schulbildung auseinandergesetzt, ohne klare Lösungsansätze aus der Misere an die Hand gegeben zu bekommen. Zu guter Letzt wurde das Auditorium aber noch mit einem künstlerisch hochklassigen Abschluss der Tagung versöhnlich gestimmt. Der letztjährigen Franz Josef Strauß-Preisträger Reiner Kunze eröffnete seinen Vortrag zwar zunächst mit einer strengen Philippika gegen Orthographieverstöße – Anlass dazu bot ein Lapsus auf der Powerpoint-Begrüßungsfolie der gastgebenden Stiftung, auf der die Worte „Herzlich Willkommen!“ [sic] zu lesen waren. Hieran schloss sich dann aber Kunzes sanfter, anrührend intensiver Lyrikvortrag an, den der einstige DDR-Dissident freilich mit seinem Gedicht „DIALEKTIK“ betitelt hatte:

Unwissende damit ihr
unwissend bleibt
werden wir euch
schulen.

Wenngleich Kunze diesen Text 1969 aus kritischer Innenansicht der DDR heraus verfasst hatte, hätten böse Zungen auch unken können, er habe damit eigentlich den Leitspruch vorgeben wollen, unter den die Tagung in der Hanns-Seidel-Stiftug hätte gestellt werden müssen. Zumindest könnte man so mutmaßen, wenn man kritisch nach Antworten sucht auf die dringlichste Frage an die „historisch-politische Bildung in Zeiten des Wandels“: Auf welche Weise können die Schulen heute eigentlich in den Fächern Geschichte und Sozialkunde wieder aktiv zu einem nachhaltigen Orientierungswissen der jungen Generation im Dienste der Stärkung der freiheitlich-demokratischen Grundordnung beitragen?

Anmerkungen:
[1] Das Tagungsprogramm findet sich als PDF-Dokument unter: https://t.co/ZiQgZpWODg
[2] Klaus Schroeder, Monika Deutz-Schroeder, Rita Quasten u.  Dagmar Schulze Heuling: Später Sieg der Diktaturen? Zeitgeschichtliche Kenntnisse und Urteile von Jugendlichen, Frankfurt a.M. 2012.
[3] Beispielhaft kann man hier etwa auf die Reihe „Das waren Zeiten“ aus dem Buchner-Verlag verweisen, die freilich aufgrund ihrer konsequenten Unterordnung anderer stofflich-wissensvermittelnder Aspekte unter das Prinzip der didaktischen Reduktion und Anschaulichkeit bei Geschichtslehrern nicht unumstritten ist.
[4] Klaus Schoeder u. Monika Deutz-Schroeder: Soziales Paradies oder Stasi-Staat? Das DDR-Bild von Schülern – Ein Ost-West-Vergleich, Stamsried 2008; Dies.,  Oh wie schön ist die DDR. Kommentare und Materialien zu den Ergebnissen einer Studie, Schwalbach 2009.
[5] CSU in Bayern laut Forsa-Umfrage nur noch bei 40 Prozent, in: Die Welt 8.6.2016, http://www.welt.de/newsticker/news1/article156052396/CSU-in-Bayern-laut-Forsa-Umfrage-nur-noch-bei-40-Prozent.html

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„Die jüngeren Historiker tun so, als ob sie in derselben Lage heldenhaft gewesen wären“: Alfred Grosser zu Gast im Münchener Presseclub


Zur Präsention des Buchs „München war anders! Das NS-Dokumentationszentrum und die dort ausgeblendeten Dokumente“ sprach am 16. Juni 2016 im Münchener Presseclub der mit zahlreichen internationalen Preisen ausgezeichnete Politologe Alfred Grosser. Eingangs verteidigte der große alte Mann der deutsch-französischen Freundschaft seine Entscheidung, ein Vorwort für den im kleinen Lau-Verlag erschienenen Band beigesteuert zu haben, wenngleich er einige Thesen seiner Verfasser Konrad Löw und Felix Dirsch als durchaus „übertrieben“ einschätze.

Das nicht unumstrittene katholisch-konservative Autorenduo Löw/Dirsch setzt sich kritisch mit der Dauerausstellung in dem im Mai 2015 eröffneten Münchner NS-Dokumentationszentrum auseinander. So wies Konrad Löw im Presseclub die Einschätzung zurück, das die Münchner während der NS-Zeit „überwiegend Mitläufer und Mittäter“ gewesen seien. Es werde in der Ausstellung hinsichtlich der Frage der Verbreitung antisemitischer Einstellungen „nur das Negative zitiert“, aber „das Positive unterschlagen“, bemängelte Löw.

Auch der 1925 in Frankfurt geborene Alfred Grosser, der als deutscher Jude 1933 mit seinen Eltern nach Frankreich emigrieren musste, monierte, dass in neuerer Literatur – wie etwa bei Götz Aly – allzu pauschal vom Antisemitismus „der Deutschen“ gesprochen werden, anstatt stärker zwischen unterschiedlichen Haltungen der deutschen Bevölkerung in der Zeit von 1933 bis 1945 zu differenzieren. „Die jüngeren Historiker tun so, als ob sie in derselben Lage heldenhaft gewesen wären“, fügte Grosser hinzu. Zugleich distanzierte er sich aber in anderen Punkten von Konrad Löws Positionen, etwa bei dessen Einschätzung der Haltung der katholischen Kirche im Nationalsozialismus, die Grosser als durchaus „ambivalent“ bezeichnete.


Im Publikum zugegen war auch einer der beiden Vorsitzenden des Kuratoriums des NS-Dokumentationszentrums, der Münchner Alt-OB Hans-Jochen Vogel. Wenngleich er sich eher skeptisch zu einigen Thesen Löws äußerte, etwa zur Rolle Kardinal Faulhabers in den 1920er und 1930er Jahren, setzte Vogel sich dennoch dafür ein, dass Kritik an der Ausstellung im NS-Dokuzentrum, soweit sie sachlich begründet werden könne, in jedem Fall „anzuhören“ sei. Löw selbst beklagte in diesem Zusammenhang die bisher fehlende Bereitschaft des Leiters des NS-Dokuzentrums, Winfried Nerdinger, sich mit Einwänden überhaupt offen auseinanderzusetzen.


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Ein Jahr NS-Dokumentationszentrum in München – Rückblick auf die wechselvolle Entstehungsgeschichte und Betrachtungen zu ausstellungsdidaktischen Problemlagen

Zum ersten Mal jährte sich am 1. Mai 2016 das Bestehen des Münchener NS-Dokumentationszentrums. In der Presse wurde der Jahrestag unter Verweis auf knapp 220.000 Besucher seit der Eröffnung 2015 durchweg positiv gewürdigt.[1] Auch die an der Barer Straße in München, am historischen Standort des „Braunen Hauses“, der 1945 zerstörten NSDAP-Parteizentrale, gelegene Einrichtung blickte in einer Pressemitteilung zufrieden auf den „Erfolg des ersten Jahres“ zurück. Sie verwies dabei auch auf das „rege Interesse an den Bildungsangeboten“, die mehrmals im Jahr wechselnden Sonderausstellungen sowie neuartige Angebote an digitalen Vermittlungsmedien wie etwa die Smartphone-App „Orte Erinnern“.[2]

 

Die harmonische erste Geburtstagsfeier des Dokuzentrums könnte fast die Dissonanzen vergessen lassen, die seine wechselvolle Entstehungsgeschichte begleiteten. Nach intensiven Diskussionen in München seit den 1980er Jahren fasste der Stadtrat 2001 den Grundsatzbeschluss, ein Dokumentationszentrum zur nationalsozialistischen Vergangenheit der ehemaligen „Hauptstadt der Bewegung“ aufzubauen. Zehn Jahre später wurde schließlich mit den Bauarbeiten begonnen. Der „weiße Würfel“, der von den Siegern des 2008 ausgelobten Architektur-Wettbewerbs, den Berlinern Bettina Georg, Tobias Scheel und Simon Wetzel, mit einer Kantenlänge von 22,5 Metern entworfen wurde, stieß allerdings auf eine geteilte Resonanz. So würdigte etwa Alfons Pieper im „Blog der Republik“ die Symbolik des „weißen Kubus im Bauhausstil“ als bewussten „Kontrapunkt“ zur historischen Vergangenheit des Ortes: „An der Stelle, wo die Brutstätte für den Nazi-Terror war, nämlich das braune Haus, steht heute das weiße Haus.“[3] Bemängelt wurde andererseits, der sechstöckige, mit zwei weitläufigen Tiefebenen unterkellerte Bau erweise sich „als denkbar ungeeignet für eine zeitgeschichtliche Ausstellung“.[4]

Noch weiter ging der Journalist Till Briegleb im Kunstmagazin „Art“. In seiner mit der ironischen Forderung „Sofort wieder abreißen!“ betitelten Glosse kritisierte er, das Dokuzentrum greife mit seiner „bedingungslosen Zweck-Neutralität“ und seiner„abwaschbaren Hülle in der Farbe der Unschuld“ gerade auf die verkehrte Symbolsprache zurück: Es zeige „nach Außen eine erstarrte Vernunftsmaske aus Distanz, Kälte und Angst vor Empathie.  […] Der Versuch, jede Ambivalenz aus dieser Architektur herauszuhalten, führt deswegen zu einem Gebäude, das mehr mit der herzlosen Akkuratesse seines Gegenstands zu tun hat, als ihm lieb sein kann. Diese Ausstrahlung emotionaler Unfähigkeit lässt sich dem Eiswürfel nie mehr austreiben.“[5]

Widerspruch rief aber nicht nur die Gebäudearchitektur hervor. Die Hauptkontroversen entzündeten sich vielmehr an der Frage der inhaltlichen Ausrichtung des Dokumentationszentrums. So verscherzte sich seine erste Gründungsdirektorin, Irmtrud Wojak, 2011 die Sympathien der Stadtratsmehrheit beim Streit über die Frage, ob das Kürzel „NS“ als Bestandteil des Einrichtungsnamens verwendet werden sollte.[6] Bereits sieben Monate später musste Wojak dann wegen konzeptioneller Differenzen mit dem wissenschaftlichen Beirat ihren Hut nehmen. Ihre Grundidee lehnte sich an den „Ort der Information“ des Berliner Holocaustmahnmals an – so sollte in München ein Lern- und Erkenntnisort entstehen, bei dem sich Besucher über die NS-Vergangenheit der Stadt auch ganz konkret anhand von Personen, Straßen oder Wohnvierteln hätten informieren können.[7] Wie Wojak kürzlich in einem Vortrag dargelegt hat, steht sie zudem einer einseitigen Fixierung auf eine „negative Erinnerungskultur“ kritisch gegenüber und fordert, bei der Darstellung der NS-Geschichte in Museen und Gedenkstätten den Blickwinkel der Opfer und Überlebenden didaktisch klar in den Mittelpunkt zu stellen.[8]

Wojaks Posten übernahm 2012 Winfried Nerdinger, der bereits Ende der achtziger Jahre an einer Initiative für die Errichtung des Zentrums beteiligt gewesen war. Der TU-Architekturgeschichts-Emeritus wurde vom LMU-Zeitgeschichts-Emeritus Hans Günter Hockerts sowie dessen professoralen Fachkollegen Marita Krauss und Peter Longerich bei der Ausarbeitung eines neuen inhaltlichen Konzepts unterstützt. Wie zu erwarten, legte das renommierte Quartett bereits im Februar 2012 dem Kulturausschuss des Münchener Stadtrats ein 23-seitiges Exposé vor, das auf einem soliden geschichtswissenschaftlichen Fachfundament fußte.[9] Die ausstellungsdidaktischen Qualitäten der neuen Konzeption standen allerdings trotz des Zuspruchs im Stadtrat in der medialen Öffentlichkeit im Kreuzfeuer. So monierte der Publizist Martin Hecht, dass „der Akzent [..] ganz auf der Ereignisgeschichte“ liege: „Zeiträume werden an Zeiträume gefügt, ohne dass man es einmal wagte, gleichsam in die seelischen Abgründe dieser schönen Stadt hinabzusteigen.“[10] Jürgen Zarusky vom Institut für Zeitgeschichte wurde im „Spiegel“ gar mit den Worten zitiert, das neue Konzept habe den „Charakter einer reinen Materialsammlung“, bei dem eine „historische Verortung Münchens“ fehle.[11]

Auch bei der Eröffnung des NS-Dokumentationszentrums 2015 mischten sich in die mediale Zustimmung, auf die das neue Haus am Rand des Münchener Königsplatzes grundsätzlich stieß, weiterhin Zweifel an der Gestaltung der Dauerexposition. So konstatierte die Frankfurter Allgemeine, dass die über vier Stockwerke sich erstreckende Schau „an Nüchternheit kaum zu überbieten“ sei und mutmaßte angesichts solcher Bedenken, dass es „noch nicht abzusehen“ sei, ob „das Konzept der Ausstellung trägt“.[12] In der Süddeutschen Zeitung sah Sonja Zekri den Ausstellungsbesucher einer „eigenartig verkrampften, wenn auch aufschlussreichen Dynamik“ ausgesetzt – aber „je länger man dieses Spannungsverhältnis zwischen vergeblichen Neutralisierungsanstrengungen und Ort wirken lässt, desto mehr drängt sich die Frage auf, ob man das Dilemma nicht hätte produktiv nutzen können.“ Zekris eigene (und durchaus etwas eigenwillige) didaktische Conclusio lautete: „Die kontrollierte Konfrontation mit der Verführungskraft solcher Regimes, und sei es durch ihre Überwältigungsbauten, könnte möglicherweise mehr dazu beitragen, jungen Leuten die Anfälligkeit des Menschen vor Augen zu führen, als die solide, aber am Ende pädagogisch strangulierend eng geführte Ausstellung.“[13]

Wenngleich also die Vorstellungen über Alternativen in der Konzeptionen in unterschiedliche Richtungen wiesen, zeigte sich doch bei aller Divergenz eine gemeinsamer kritischer Grundton. Denn immer wieder neu in Frage gestellt wurde die nüchterne, wissenschaftsorientierte, fast ausschließlich auf kognitive Informationen setzende Machart der Dauerexposition, die mit dem kühlen Bauhaus-Stil des „weißen Würfels“ an der Barer Straße korreliert.

Am 30. Oktober 2015 erschien dann eine detaillierte Auseinandersetzungen mit der Konzeption der Ausstellung im NS-Dokumentationszentrum in dem virtuellen Geschichtsfachportal „H-Soz-Kult“. Verfasst hatte sie die IfZ-Mitarbeiterin und Kuratorin der Dokumentation Obersalzberg, Sylvia Necker.[14] Mit deutlichen Worten kritisierte sie, dass es im sich Dokuzentrum „leider um eine Tafelausstellung“ handele, „auch wenn sich die Präsentationsformen in Museen bis ins 21. Jahrhundert doch merklich und aus guten didaktischen Gründen ausdifferenziert haben.“

Sicherlich ist diese methodische Reduktion allein schon problematisch, doch ist zu Neckers Kritik noch hinzufügen, dass die Eintönigkeit der Ausstellungsgestaltung noch dadurch erhöht wird, dass in der Hauptsache nur zwei unterschiedliche Gestaltungselemente verwendet werden: die 32 vertikalen durchnummerierten Leuchttafeln, aus denen sich der Hauptinformationsfaden der Ausstellung ergibt, sowie die mit zweistelligen Dezimalgliederungsnummern versehenen horizontalen Leuchttische, an denen vertiefende Informationen zusammengestellt sind. Wenngleich dieses Gestaltungsprinzip für sich betrachtet schlüssig erscheint, muss es den Besucher fast zwangsläufig ermüden, wenn es unverändert über vier Stockwerke Anwendung findet. Zur Auflockerung hätte sich beispielsweise eine Integration von interaktiven Recherchemöglichkeiten angeboten, die jedoch stattdessen in Bibliotheksraum der zweiten Tiefebene separat platziert sind.

In der gegenwärtigen Ausstellungslinie wird der Besucher so dazu angeleitet, ohne Verweilmöglichkeit die dokumentaristisch dargebotenen Informationen in einem Zug binnen ca. zwei Stunden aufzunehmen. Die „Auseinandersetzung mit den Tätern sowie deren Handlungen und Motiven“, die Winfried Nerdinger zufolge die „inhaltliche Basis des NS-Dokumentationszentrums“ bilden sollen,[15] dürfte so aber wohl letztlich dem Leser des 624 Seiten starken Katalogs, der die Ausstellungsexponate und -texte bis auf die filmischen Elemente vollständig wiedergibt, deutlich leichter fallen, als einem an Tafeln und Tischen stehend lesenden Besucher vor Ort. Lediglich das auch von Necker positiv gewürdigte Konzept des Media-Guides eröffnet eine Möglichkeit, den Rundgang durch individuell gewählte Themenschwerpunkte und Vertiefungen abwechslungsreicher zu gestalten.

Auf eine andere Möglichkeit der Durchbrechung des nüchternen Dokumentationsstils hat das Zentrum bewusst verzichtet – vergeblich sucht man nach der für Museumsausstellungen sonst methodisch essenziellen Präsentation von Originalobjekten. Sylvia Necker sieht darin eine „problematische Seite der konstitutiven Fassung des Zentrums als ‚Dokumentation‘“. Direktor Nerdinger hat diese Entscheidung hingegen nachdrücklich als notwendigen Kunstgriff verteidigt. So schrieb er im Vorwort des Ausstellungskatalogs, es verbiete sich bei „einer Dokumentation über Täter an einem Täterort“ eine „Ästhetisierung und Auratisierung“ durch Originalobjekte „ebenso wie jede Form von Einfühlung beziehungsweise Emotionalisierung“. Schließlich sei das Ziel „eine objektivierte Kontextualisierung und evidente Vermittlung historischer Zusammenhänge.“[16]

Eine derartige „Polarisierung“ von Gedenkstättenaufgaben, bei denen Täterorte sich allein der kognitiven Wissensvermittlung verschreiben, wies Habbo Knoch kürzlich allerdings als „unnötig“ und „seit Langem überholt“ zurück.[17] Und auf jeden Fall ist der Preis für eine derartige Beschränkung auf Reproduktionen recht hoch. Nicht nur die Ausstellungsgrafik wirkt, wie Necker anmerkt, „stylish und artifiziell“ – im Grunde hinterlässt die ganze Ausstellung aufgrund ihres streng dokumentarischen Charakters beim Betrachter einen sterilen Eindruck. Dem hätte mit einer sorgsamen Einbettung von ausgewählten Original-Schaustücken sicherlich recht leicht entgegengewirkt werden können.

Leider wird auch mit den Möglichkeiten einer vertiefenden Veranschaulichung, die über die Präsentation von Dokumenten-Reproduktionen auf den Leuchttischen hinaus geht, äußerst sparsam umgegangen. Dennoch gibt es hierzu gelungene Beispiele, wie etwa die Vorführung von Filmszenen zum historischen Ort des Königsplatzes auf Großbildschirmen. Sie sind an den Fenstern so platziert, dass sie dem Betrachter einen vergleichenden Ausblick auf den historischen Ort in der Gegenwart ermöglichen.

Die Problematik der Ausstellung ergibt sich aus didaktischer Sicht aber nicht allein aus der Art der Präsentation, sondern auch aus der schieren Menge der dargebotenen Informationen. Sylvia Necker zufolge handelt es sich um eine „Dokumentendichte, die zwar den Anspruch auf Vollständigkeit unterstreicht, jedoch keine Zwischenräume für eigene Reflexion zum Thema lässt.“ Der Betrachter sehe sich angesichts der Menge von Stelen und Tischen einer „enormen Dokumentenflut“ ausgesetzt – Necker spricht hierbei auch nicht unzutreffend von der möglicherweise entstehenden „Anmutung, es handele sich bei der Ausstellung eigentlich um ein Buch“. Gerade für junge Besucher dürfte dieser Eindruck eher eine Hürde sein, sich mit der Materie der Ausstellung tiefergehend beschäftigen zu wollen. Und selbst wenn diese Hürde überwunden wird, besteht, wie sogar die Leiterin des Wissenschaftlichen Beirats des Dokuzentrums, Merith Niehuss, einräumte, die Gefahr eines Informations-Overkills – so habe der Ausstellungsbesuch eine Gruppe internationaler Studierender beispielsweise nach zwei Stunden ans „Ende ihrer Kräfte“ gebracht.[18]

An diesen Befund einer problematischen Informationsfülle knüpft schließlich ein noch tiefgreifender Kritikpunkt von Sylvia Necker an, der auch bereits bei den Einwänden von Hecht und Zarusky zum Ausstellungskonzept 2012 anklang: Schmerzlich vermisst würden klare „Kernaussagen“ in der Ausstellung – vielmehr sei festzustellen, dass die Kuratoren dem Besucher „keine These präsentieren möchten“. Dies ist für Necker ein Kardinalfehler: „Die Zuspitzung der mit einer solchen Dokumentation bezweckten Grundaussage auf der einen Seite sowie eine Durchdringung und Vertiefung der Themen auch durch die Gestaltung auf der anderen Seite gehören aus Sicht der Rezensentin allerdings zu den wichtigsten Aufgaben einer Ausstellung.“ Hätte man diesen Ratschlag der Obersalzberg-Kuratorin beherzigt, könnte das Dokuzentrum dem Besucher statt einer im wortwörtlichen Sinne erschöpfenden Betrachtung des Themas eine Orientierung mithilfe von Leitthesen anbieten, auf deren Basis auch Besucher mit geringen historischen Vorkenntnissen leichter zu eigener Reflexion animiert würden.

 

Wie eingangs gezeigt, hat das NS-Dokumentationszentrum in München eine überaus problematische Entstehungsgeschichte hinter sich, die die Einrichtung bis heute nachdrücklich prägt. Sowohl die umstrittene Architektur des auffälligen „weißen Würfels“, mit dem die Stadt die Beschäftigung mit ihrer NS-Geschichte nach jahrelangem Aufschub schließlich betont kontrastreich selbst inszeniert hat, als auch die museumsdidaktisch eigenwillig aus der Zeit gefallene dokumentaristische Dauerausstellung, die maßgeblich auf den zweiten Gründungsdirektor Winfried Nerdinger und sein fachhistorisches Beratertrio um Hans Günter Hockerts zurückgeht, wären andernorts, ohne die spezifischen geschichtspolitischen Münchner Konfliktlagen, kaum denkbar gewesen.

Der gute Besucherzuspruch im ersten Jahr seines Bestehens bestätigt zunächst aber einmal, dass trotz aller Geburtswehen eine erinnerungskulturelle Einrichtung, die sich mit der NS-Geschichte der ehemaligen „Hauptstadt der Bewegung“ vertieft auseinandersetzt, einen lange vermissten Lückenschluss in der Münchner Museumslandschaft darstellt. Die folgenden Jahre werden allerdings zeigen, ob das Dokuzentrum auch mit einer Dauerausstellung, die in ihrer Wissenschaftsorientierung und kühlen Sachlichkeit an Formen der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus aus den 1960er Jahren angelehnt scheint, dennoch ihren Platz in der städtischen Erinnerungskultur des 21. Jahrhunderts behaupten kann.

Insbesondere erscheinen Zweifel daran verständlich, ob das Haus seinem Selbstanspruch dauerhaft gerecht werden kann, nicht nur ein Erinnerungsort zu sein, sondern gerade auch als Lernort für Schulklassen und junge Besuchergruppen zu dienen. Deshalb würde es nicht verwundern, wenn nach der 2018 ausklingenden „Ära Nerdinger“ dem NS-Dokumentationszentrum alsbald eine umfangreichere Umgestaltung seiner Dauerausstellung bevorsteht, mit der dann schließlich auch im geschichtspolitisch traditionell konservativ geprägten München doch noch der Anschluss an die Museumsdidaktik der Gegenwart vollzogen wird.

 

Anmerkungen:

[1] Vgl. z.B. NS-Dokumentationszentrum verzeichnet 220000 Besucher, in: Die Welt vom 28.4.2016, http://www.welt.de/regionales/bayern/article154856794/NS-Dokumentationszentrum-verzeichnet-220-000-Besucher.html.

[2] Ein Jahr NS-Dokumentationszentrum München: Bilanz und Ausblick (28.4.2016), http://www.ns-dokuzentrum-muenchen.de/fileadmin/user_upload/08_presse/pdf/NSDoku_PM_1._Jahr.pdf.

[3] Alfons Pieper: NS-Dokumentationszentrum: Schon 220000 Besucher in einem Jahr, in: Blog der Republik 14.4. 2016, http://www.blog-der-republik.de/ns-dokumentationszentrum-in-muenchen-schon-220000-besucher-in-einem-jahr/.

[4] Sven Felix Kellerhoff: So ruiniert Architektur den Willen zur Aufklärung, in: Die Welt 29.4.2015, http://welt.de/140290785.

[5] Till Briegleb: Sofort wieder abreißen! In: Art – Das Kunstmagazin, 12.2.2014, http://www.art-magazin.de/architektur/sofort-wieder-abreissen/12070-rtkl-folge-1-ns-dokumentationszentrum-muenchen-sofort.

[6] Franz Kotteder: Heftiger Streit um ein Kürzel, in: SZ 31.3.2011, http://www.sueddeutsche.de/muenchen/ns-dokumentationszentrum-muenchen-heftiger-streit-um-ein-kuerzel-1.1079977.

[7] Vgl. Martin Hecht: Lektionen in Glas und Beton, Der Tagesspiegel 11.10.2102, http://www.tagesspiegel.de/kultur/lektionen-in-glas-und-beton/7238734.html.

[8] Stefan Hemler: Irmtrud Wojak oder ein Plädoyer wider die „negative Erinnerungskultur“, in: renad-Blog 1.5.2016, https://www.renad.de/allgemein/irmtrud-wojak-oder-ein-plaedoyer-wider-die-negative-erinnerungskultur.

[9] Hans Günter Hockerts, Marita Krauss, Winfried Nerdinger u. Peter Longerich: Ausstellungskonzept NS-Dokumentationszentrum München. Lern- und Erinnerungsort zur Geschichte des Nationalsozialismus, https://www.ris-muenchen.de/RII/RII/DOK/SITZUNGSVORLAGE/2586522.pdf.

[10] Martin Hecht: Die Stadt, das Bier und der Hass, in: Die Zeit 13.9.2012, http://www.zeit.de/2012/38/Muenchen-NS-Dokumentationszentrum.

[11] Felix Bohr u. Conny Neumann: „Museale Verpackung einer unbequemen Wahrheit“, in: Der Spiegel 17.11.2012, http://www.spiegel.de/panorama/gesellschaft/kritik-an-ns-dokumentationszentrum-muenchen-a-867230.html.

[12] Hannes Hintermeier: Ein weißes Haus für die braune Vergangenheit, in: FAZ 30.4.2015, http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/forschung-und-lehre/das-neue-ns-dokumentationszentrum-eroeffnet-in-muenchen-13566344.html.

[13] Sonja Zekri, Am Tatort, in: SZ 30.4.2015, http://www.sueddeutsche.de/kultur/ns-dokumentationszentrum-in-muenchen-am-tatort-1.2458857.

[14] Sylvia Necker: Ausstellungsrezension zur Dauerausstellung “München und der Nationalsozialismus” im NS-Dokumentationszentrum München, in: H-Soz-Kult, 31.10.2015, http://www.hsozkult.de/exhibitionreview/id/rezausstellungen-222.
Eine ausführliche, ebenso luzide wie kritische Betrachtung der Ausstellung, verbunden mit Überlegungen zu konfessionshistorischen Aspekten, ist kürzlich auch in der Zeitschrift theologie.geschichte erschienen: Antonia Leugers: Ein Jahr Dauerausstellung im NS-Dokumentationszentrum München. Eine kritische Bilanz, in: theologie.geschichte 11 (2016), http://universaar.uni-saarland.de/journals/index.php/tg/article/view/835/879.

[15] Winfried Nerdinger: Einführung, in: Ders. (Hg.): München und der Nationalsozialismus. Katalog des NS-Dokumentationszentrums München, München 2015, S. 9-12, hier S. 11.

[16] Nerdinger, Einführung (wie Anm. 15), S. 11.

[17] Habbo Knoch: Rezension zu: Nerdinger, Winfried (Hg.): München und der Nationalsozialismus, München 2015, in: H-Soz-Kult 17.2.2016, http://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-24370.

[18] Lernort mit Vergangenheit. Interview mit der Vorsitzenden des Wissenschaftlichen Beirats Prof. Niehuss, in: Akademie-Report (hg. v. Akademie für politische Bildung Tutzing) 3/2015, S. 30f, hier S. 31. Niehuss hält deswegen es für nötig, „Lehrkräfte genau darauf hinzuweisen, wo sie Schwerpunkte für ihre Schulklassen setzen können“ (ebd.). Hingegen schrieb Winfried Nerdinger in einer mutmaßliche „gravierende Fehler und Unwahrheiten“ zurückweisenden scharfen Replik auf Sylvia Neckers Rezension, die Dauerausstellung sei erfolgreich „mit einer Vielzahl von Jugendlichen der verschiedenen Altersgruppen und Schularten vorab erprobt“ worden (Replik: W. Nerdinger zu S. Necker: München und der Nationalsozialismus, in: H-Soz-Kult, 20.11.2015; http://www.hsozkult.de/exhibitionreview/id/rezausstellungen-222).

 

Die in den Text eingebundenen Bildtweets wurden von mir anlässlich eines Rundgangs im NS-Dokumentationszentrum München am 26./27.7.2015 getwittert. Alle Bildtweets zu diesem Ausstellungsbesuch finden sich unter #NSDokuzentrum und #HistBav.

Dieser Blogbeitrag wurde erstmals am 22.5.2016 im Blog „Geschichte Bayerns“ veröffentlicht (https://histbav.hypotheses.org/4675).

 

 

Irmtrud Wojak oder ein Plädoyer wider die „negative Erinnerungskultur“

Am 28. April hielt Irmtrud Wojak einen interessanten und diskussionswürdigen Vortrag im Stemmerhof in München. Sie referierte dort auf Einladung der Sendlinger Grünen über das Thema „Fritz Bauer oder die Pflicht zum Ungehorsam“, stellte ihr Thema aber zugleich auch in den Kontext der gegenwärtigen Erinnerungskultur.

Wojak hat 2009 eine in erster und kürzlich nun in zweiter Auflage erschienene Biographie über den als Hessischen Generalstaatsanwalt Fritz M. Bauer verfasst (1). Als Ermittler und Ankläger schrieb Bauer in den 1960er Jahren während der Frankfurter Auschwitz-Prozesse bundesrepublikanische Justizgeschichte. Die habilitierte Historikerin Wojak war 2009-2011 in München Gründungsdirektorin des gegen ihren Willen so benannten „NS-Dokumentatonszentrums“ gewesen, hatte aber aufgrund von konzeptionellen Differenzen ihren Posten verloren und wurde schließlich durch den bis heute amtierenden TU-Architekturgeschichtsemeritus Winfried Nerdinger ersetzt (2).


Insofern entbehrte es nicht einer gewissen Brisanz, dass Irmtrud Wojak in ihrem Vortrag kurz vor dem ersten Jahrestag der Eröffnung des NS-Dokuzentrums nachdrücklich die „negative Erinnerungskultur“ kritisierte, die in Bezug auf die Jahre 1933-45 vorherrsche. Nötig sei Wojak zufolge vielmehr, sich „das Narrativ der Opfer zu eigen zu machen“ – sie verwies in diesem Zusammenhang auch auf Fritz Bauers Ideen über eine Beschäftigung mit der historischen Vergangenheit, die ihm zufolge zum „Urgrund des Fühlens“ und der Liebe leiten solle. In diesem Sinne habe sich die Geschichtsvermittlung der NS-Zeit in Museen und Ausstellung klar auf die Seite der Opfer und Überlebenden zu stellen und gegen die Täter zu positionieren, anstatt sich neutral-sachlich auf multiperspektivische Geschichtsdarstellung einzulassen.

Während der angeregten Diskussion im Anschluss an ihren Vortrag warnte Wojak vor der Gefahr, bei einem einseitigen Fokus auf das „Erinnern des Bösen“ letztlich ungewollt dem Rechtsextremismus zuzuarbeiten. So zeigten beispielsweise Erfahrungen mit Jugendgruppen bei Besuchen der Gedenkstätte in Auschwitz, dass eine geballte Konfrontation mit der Tätergeschichte eher Verdrängungswünsche aufkommen lassen könne. Hingegen wecke die Möglichkeit, sich auch positiv mit Opfer- und Widerstandsgeschichte zu befassen, zumeist nachhaltig das historische Interesse für die Geschichte des Holocaust bei Jugendlichen.


Zu dem Münchner Vortrags- und Diskussionsabend wurde unter #FritzBauer getwittert (3). Informationen zu Irmtrud Wojaks erinnerungskulturellen Ideen finden sich auf der Homepage eines von ihr geleiteten Projekts, der Buxus-Stiftung, in deren Rahmen die Gründung eines nach Fritz M. Bauer benannte „FMB-Kollegs“ geplant ist (4).

Anmerkungen:
1. Irmtrud Wojak, Fritz Bauer 1903–1968. Eine Biographie, München 2009 (1.Aufl), 2016 (2. Aufl.)
2. Martin Hecht, Lektionen in Glas und Beton, in: Tagesspiegel 11.10.2012, http://www.tagesspiegel.de/kultur/lektionen-in-glas-und-beton/7238734.html
3. Alle Tweets sind direkt auch auf der folgender Seite abrufbar: https://twitter.com/Muenchen1968
4. http://www.buxus-stiftung.de/index.php/de/